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EMPIRE

Eröffnung: 
Freitag, 16. Dezember 2016, 19 Uhr 

Ausstellung:
17.–20. Dezember 2016, 16–19 Uhr und nach Vereinbarung

Weltraum
Rumfordstraße 26, München 

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Zur Ausstellung erscheint eine Broschüre mit Auszügen aus Henry D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern, 1854. 

Der Essay »Wiederbelebungsmaßnahmen« liegt in einer Auflage von 50 numerierten Exemplaren zum Kauf auf.

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Downloads:
Katalog »Empire« (20 MB)
Presseinformation
Essay »Wiederbelebungsmaßnahmen« / Portfolio (17 MB)


Empire, 2016, Installationsansicht

Empire, 2016, Filmstill | Video

Cabin, 2016

Where I Lived, And What I Lived For, 2016

How To Disappear Completely, 2016, Teilansicht (Before / After)

Sewing Up A Wound, 2016, Siebdruck aus der Serie: How To Disappear Completely

Ausstellungsansicht Weltraum, München 2016

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Empire

Ausgelöschte oder ins Unsichtbare verschwimmende Körper, unbetretbare Räume, ungreifbarer Sound, ephemeres Material, sich verflüchtigender Geruch: Die vier neuen Arbeiten, die Christian Hartard in der Einzelausstellung »Empire« zusammenführt, kreisen um Motive des Verschwindens, der latenten Gewalt, der gegenseitigen Unzugänglichkeit und Unverfügbarkeit. Referenzen auf die US-amerikanische Kultur- und Zeitgeschichte halten dabei die Balance zwischen politischen Stellungnahmen und autonomen Setzungen. Indem sie unterschiedliche Sinnesebenen aktivieren, erweitern die Werke ihren formalen Minimalismus zu komplexen, eindringlichen Bildern für soziale oder psychische Zustände. Neben Objekt und Installation kommen erstmals Graphik und Video als künstlerische Medien zum Einsatz. 

Grundlage der Arbeit Empire, die der Ausstellung den Titel gegeben hat, ist ein Amateurvideo, das am 11. September 2001 kurz nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York entstand. Die Handykamera gleitet über die Außenhaut des brennenden Gebäudes und verfolgt für einige Sekunden den Sturz eines Menschen in die Tiefe. Aus diesem Video wird die winzige Silhouette des fallenden Mannes herausgeschnitten. Übrig bleibt das in Endlosschleife vorbeiziehende Ornament der Fassade. Gewalt und Versehrtheit sind in metaphorischer Weise präsent. Der Körper und seine möglichen Verletzungen bleiben unsichtbar. Der Schmerz ist nicht echt, sondern entsteht im Kopf des Betrachters. 

In der Siebdruckserie How To Disappear Completely ist das Bild des Menschen in ähnlicher Weise getilgt. Die drei Blätter zeigen Photographien aus Frank Bunker Gilbreth’ 1920 erschienenem Buch »Motion Study for the Handicapped«. Gilbreth untersucht vor dem Hintergrund des nur wenige Jahre zurückliegenden Ersten Weltkriegs, wie verkrüppelte oder erblindete Soldaten durch eine Vereinfachung und Standardisierung von Arbeitsprozessen in das Wirtschaftsleben wiedereingegliedert werden können. Dazu filmte Gilbreth Arbeiter, denen er kleine Leuchten an den Händen befestigt hatte, bei ihren typischen Tätigkeiten. In der Langzeitbelichtung ergaben sich charakteristische Muster von Bewegungsabläufen, die nun optimiert und beschleunigt werden konnten. Der Mensch als Individuum verschwindet, nur die Spur seiner Arbeit bleibt übrig. Obwohl Gilbreth vor allem die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Auge hatte, gilt er neben Frederick Winslow Taylor als einer der Väter einer ökonomischen Philosophie, die den Menschen als austauschbaren Teil der betrieblichen Maschinerie versteht. 

Zwei skulpturale Werke runden die Ausstellung ab. Die Bodenarbeit Where I Lived, and What I Lived For besteht aus einem niedrigen Aluminiumkubus, in den eine mit Ballistol gefüllte Keramikschale eingelassen ist. Der charakteristische Duft des Waffenöls ist im Raum wahrnehmbar. Für die Installation Cabin wurden zwei mit Filz ausgekleidete Holzkammern spiegelsymmetrisch zu einer scheinbaren Passage aneinandergefügt. Beide Kompartimente besitzen einen körpergroßen, aber schmalen Eingang, der in einen unbetretbar engen Korridor führt, und sind in sich abgeschlossen. Ein Durchgang von der einen auf die andere Seite ist nicht möglich. Die Wege verlaufen parallel, aber sie treten nicht in Kontakt. Die Assoziation von Behaustsein und Schutz wird mit dem Bild von Isolation und Abkapselung konfrontiert, der Versuch der Kommunikation steht gegen die Erfahrung von Inkommunikabilität. 

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„Als ich eines Tages zu meinem Holzhaufen oder vielmehr zu meinem Baumstumpfhaufen kam, sah ich zwei große Ameisen, die in erbittertem Kampfe sich befanden. Die eine war rot, die andere, weit größere, war schwarz und fast einen halben Zoll lang. Nachdem sie einmal sich gegen­seitig gepackt hatten, ließen sie nicht mehr locker, sondern kämpften und rangen und rollten auf den Holzspänen ohne Unterlass hin und her. Als ich weiter Umschau hielt, sah ich zu meinem Erstaunen, dass die Späne mit solchen Kämpfern bedeckt waren, dass kein duellum sondern ein bellum hier stattfand, ein Krieg zwischen zwei Ameisen­völkern! Überall kämpfte eine rote gegen eine schwarze, oder zwei rote fochten mit einer schwarzen. Die Legionen dieser Myrmidonen bedeckten alle Hügel und Täler meines Holzhofes. Schon war der Boden mit roten und schwarzen Toten und Ster­benden besät. Es war das einzige Schlachtfeld, das ich je sah, das einzige Schlachtfeld, das ich betrat, als wilder Kampf wütete. Ein Kampf auf Leben und Tod! Die roten Republikaner auf der einen Seite, die schwarzen Kaiser­lichen auf der anderen. Überall wurde erbittert gekämpft, ohne dass ich ir­gend ein Ge­räusch vernehmen konnte. Nie fochten menschliche Krieger so standhaft. Ich beobachtete ein Paar, das in einem kleinen sonnigen Tal zwi­schen zwei Holz­scheiten rang und jetzt am Mittag fest entschlossen schien, bis zum Sonnenuntergang oder bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Der kleinere rote Krieger hielt wie ein Schraubstock fest die Vorderseite seines Gegners umklammert und bemühte sich, obwohl er mit seinem Gegner häu­fig auf dem Schlachtfeld kopf­über hinstürzte, unablässig, dem Kaiserlichen den einen Fühler nahe an der Wurzel abzunagen; der andere war diesem Schicksal bereits anheimgefallen. Der stärkere schwarze Soldat schleuderte seinen Gegner von einer Seite zur ande­ren, und als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass der Republikaner schon ver­schiedene Gliedmaßen eingebüßt hatte. Sie kämpften mit größerer Hartnäckig­keit als Bulldoggen. Keiner von beiden zeigte die geringste Nei­gung zur Flucht. Ihr Schlachtruf war zweifellos: Siegen oder Sterben! 

Inzwischen kam ein zweiter roter Krieger augenscheinlich in höchster Erre­gung an einem der Hügel, welche dieses Tal begrenzten, herabgeeilt. Ent­weder hatte er seinen Feind besiegt oder noch nicht am Kampfe teilgenom­men. Da er noch ganz unversehrt war, gehörte er vielleicht zur Reserve. (…) Er sah den unglei­chen Kampf von fern – denn die Schwarzen waren nahezu zweimal so groß wie die Roten – kam schnellen Laufes herbei und stand jetzt nur einen halben Zoll von den Kämpfenden entfernt auf der Lauer, um im günstigen Augenblick auf den schwarzen Krieger sich zu stürzen und den Angriff nahe an der Wurzel des rechten Vorderfußes zu beginnen. Mochte der Gegner unter seinen eigenen Gliedmaßen die Wahl treffen! So waren die drei dort fürs Leben vereint, als ob ein neues Bindemittel hier verwendet würde, das jedes Schloss und jeden Mörtel übertraf. Wenn ich jetzt noch entdeckt hätte, dass auf den Gipfeln der Holzscheite die Musikkapellen bei­der Armeen aufgestellt seien, Nationalhymnen spielend, um die matten Krie­ger anzufeuern, die Sterbenden zu trösten: ich hätte mich nicht gewundert. Ich selbst war so erregt, als ob hier Menschen kämpften.“

Henry D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern, 1854. Übersetzung aus dem Englischen von Wilhelm Nobbe, Jena 1922.