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GRENZEN DER UNIVERSALISIERUNG | zurück zu Forschung

Skizze für ein Symposium oder eine Ringvorlesung

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Es gibt Dinge, die tut man nicht. Zum Beispiel Menschen klonen. Oder die Schlafzimmern der Bürger unter sittenpolizeiliche Überwachung stellen. Oder Geld für einen Freundschaftsdienst verlangen. Vielleicht könnte man, wenn man wollte. Aber man will nicht oder darf zumindest nicht wollen.

Das ist eigentlich seltsam. Denn die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft wird in zeitgenössischen Sozialtheorien üblicherweise als ein zweiseitiger Prozess von Spezialisierung und Universalisierung beschrieben. Systeme wie Politik, Wissenschaft oder Religion spezialisieren sich auf gesellschaftliche Zuständigkeitsbereiche, in denen sie sich selbst unbedingte Priorität einräumen, und universalisieren zugleich ihre Semantik so weit, dass sie prinzipiell jeden Weltsachverhalt unter ihrer Perspektive beobachten, sich für jedes soziale Geschehen zuständig fühlen können. Die Wirtschaft sieht und behandelt alles nur ökonomisch, die Kunst nur ästhetisch, das Rechtswesen nur juristisch – aber eben immer: alles. Die systemspezifischen Zugriffe auf die Welt sind also nicht durch gegenseitige Stillhalteabkommen abgesichert, die den Systemen für bestimmte Handlungsfelder die Alleinvertretung garantieren würden, sondern erweisen sich als miteinander konkurrierende Beschreibungen der Gesamtgesellschaft. 

Im Blick auf die soziale Wirklichkeit hat dieses theorieästhetisch überzeugende Modell den Schönheitsfehler, dass die postulierte Universalisierung in keinem System tatsächlich beobachtbar ist. Vielmehr scheint jeder gesellschaftliche Sonderbereich gewisse Residuen zu tolerieren oder sogar auszubauen, die von der Systemlogik nicht erfasst werden. So zieht sich das Rechtssystem immer mehr aus der Intimsphäre des Menschen zurück und überlässt das, was dort passiert, der individuellen Moral; auch sozial durchaus erwünschte Verhaltensweisen wie Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft oder Ehrlichkeit sind kaum einklagbar, selbst die Lüge ist, so klar ihre ethische Bewertung sein mag, nur in speziellen Rechtszusammenhängen justitiabel. Für andere Systeme lässt sich ähnliches zeigen: nicht alles, was wissenschaftlich erforschbar wäre, wird erforscht; nicht alles, was medizinisch machbar wäre, wird gemacht. Die Politik bindet ihre Machtausübung, wenigstens in demokratisch verfassten Staaten, an eine plebiszitäre Legitimation, mit der sie das politisch Durchsetzbare auf das gesellschaftlich Mehrheitsfähige beschränkt. Die Ökonomisierung stößt auf erhebliche Widerstände, sobald sie das unmittelbare Umfeld der klassischen Wirtschaftsgüter verlässt und auf sensible Bereiche wie Bildung oder Gesundheit übergreift (ganz abgesehen davon, dass sich vieles in der Tat nicht kaufen lässt – man spricht dann zwar von „käuflicher Liebe“, aber es ist klar, dass damit nur eine mechanische Verrichtung gemeint ist). Im Erziehungssystem trifft die Vorstellung, es sei – Zeit und guten Willen vorausgesetzt – schlichtweg alles lehr- und lernbar, auf genetische Dispositionen, und die Religion bekommt es bei einer zunehmenden Entzauberung der Welt mit dem Problem zu tun, wie ein kontrafaktischer Glaube noch vermittelbar ist. Am weitesten geht die Selbstrestriktion der Systemperspektive schließlich in der Kunst, die sich ihre eigenen Anschauungsobjekte schafft und so ihren spezifischen Beobachtungsmodus von der Welt außerhalb des Kunstwerks fernhält; die avantgardistische Utopie, die Kunst in den Alltag zu überführen und den Alltag als Kunstwerk zu leben, mündet dann höchstens in einen dandyhaften Ästhetizismus, den sich nur leisten kann, wer ihn sich leisten kann.

Eine Vortragsreihe, die sich mit den Grenzen der Universalisierung beschäftigt, würde am Beispiel verschiedener sozialer Systeme aufzeigen, wie die Entwicklung einer je systemeigenen Semantik in historischer Perspektive verläuft und in welcher Hinsicht ihre Universalisierung erfolgreich war bzw. an welchen Punkten sie zu einem (vielleicht auch nur vorläufigen) Ende kommt. Dabei wird von besonderem Interesse sein, welche Regulative jenseits dieser Rationalitätsschwellen einspringen (Moral? Gewalt? Glaube?) und in welchem Spannungsverhältnis sie zur jeweiligen Systemlogik stehen. Gleichzeitig wäre nach den systemstabilisierenden Effekten zu fragen: Zu vermuten wäre, dass Systeme sich durch eine unvollständige Universalisierung gegen Überlastung schützen (was etwa für das Rechtssystem unmittelbar einsichtig ist) oder – unter Verzicht auf Zuständigkeit für Randbereiche – die grundsätzliche Akzeptanz ihrer Systemrationalität absichern. Es ginge im Kern also darum, die real beobachtbaren Universalisierungsgrenzen nicht als Theoriefehler oder als Belege für eine ins Stocken geratene soziale Differenzierung zu begreifen, sondern als funktionale Mechanismen zu erklären. 

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