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DER RAUM DER KUNST | zurück zu Forschung
Geschichte und Theorie des plastischen Raums

Forschungsprojekt am Institut für Kunstgeschichte der Universität München, 2010-2012
Gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung

Forschungsexposé (PDF)

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Eine Untersuchung ästhetischer Räume scheint nicht in die Zuständigkeit der Kunstgeschichte zu fallen. Die Kunst, so vermutet man, sei wie die Welt aufgebaut aus Gegenständen, die man sehen, die man anfassen, an denen man sich den Kopf stoßen kann. Müssten Kunstwerke also nicht dort anfangen, wo der Raum aufhört? 

Tatsächlich hat die Kunstgeschichte bisher sehr zurückhaltend auf den ‚spatial turn‘ reagiert, der in anderen Disziplinen ein neuerwachtes Interesse an raumbezogenen Fragestellungen anzeigt – selbst dort, wo eigentlich die lebhafteste Auseinandersetzung mit Raumproblemen zu erwarten wäre: in der Geschichte der Bildhauerei. Gerade für die plastischen Künste, die in der Moderne eine beispiellose räumliche Expansion erlebten, böte es sich jedoch an, die Produktion von Raum als eine besondere Art der ästhetischen Sinnstiftung zu begreifen. Als Kontrapunkt zu kunstwissenschaftlichen Analysen, die mit dem Leitbegriff des Bildes operieren, wird ein dezidiert raumästhetischer Ansatz betonen, dass die plastische Kunst der Gegenwart generell keine ‚Bilder‘ mehr erzeugt, die ihren Sinn aus der Absonderung eines von der Realwelt unterschiedenen Beobachtungsfeldes (oder gar aus einer mimetischen Verweisungsfunktion) beziehen. Die Plastik in ihrem Eigen-Sinn ernstzunehmen müsste also heißen: der Frage nachzugehen, was es stattdessen zu sehen gibt. 

So könnte man in historischer Hinsicht schärfer in den Blick bekommen, dass die demonstrativen Raumthematisierungen am Beginn der Moderne nicht als unvermittelter Ausbruch des Bildes in den Raum zu begreifen sind. Gegen eine solche Verkürzung ist ein Modell in Stellung zu bringen, das die Geschichte der Bildhauerei insgesamt als Geschichte einer stetigen Verräumlichung beschreibt: als Prozess einer zunehmenden Sensibilität für die räumlichen Ausdrucksmittel, der mit den ästhetischen Autonomisierungs- und Reinigungsprozessen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert seinen Kulminationspunkt erreicht. ‚Raum‘ wird für die Bildhauerei zum Mittel der Selbstreflexion: gewissermaßen rückblickend kann sie sich nun über ihre Räumlichkeit (statt ihre Bildlichkeit) definieren. ‚Raum‘ avanciert zum spezifischen Medium bildhauerischer Praxis und Selbstbeschreibung. 

In theoretischer Hinsicht wäre es möglich, Raumerfahrung als Erfahrung sui generis zu fassen: nicht als Reihung einzelner, statischer Bilderfahrungen, die den Betrachter als das Gegenüber und die Welt als das Dahinter des Werks bestehen lassen, sondern als dynamischen, sinnlichen Beobachtungsmodus, der den Betrachter über das Erlebnis von Atmosphäre, Bewegung, Körperlichkeit ins Werk verwickelt und dadurch ‚Welt‘ nicht zeigt, sondern verwirklicht. Die Polyperspektivität eines Raumkunstwerks konfrontiert zudem mit der Erfahrung, dass die Kunstbeobachtung nicht in einen finalen Einheitsgesichtspunkt zusammenläuft: dass die differenten Perspektiven sich nicht in einer ‚Idee‘ auflösen und versöhnen lassen, sondern als Nebeneinander des Verschiedenen ausgehalten werden müssen. Plastische Werke zeigen sich als multikausale, unabschließbare Ensembles von Positionen, die, statt einer vorgefertigten linearen Ordnung zu folgen, assoziativ, sprunghaft, chaotisch – aber dennoch stets sinnvoll – miteinander vernetzt werden können und in ihrer selbst hergestellten Komplexität eine wesentliche Signatur der Moderne aufscheinen lassen. Ein an der Undiszipliniertheit des Raums geschultes plastisches Denken könnte diese vermeintlichen Unsicherheiten indes nicht als Mangel, sondern als Freiheit zu autonomer, kreativer, ‚wilder‘ Ordnungsfindung erfahren: als eine Lektion in Ungehorsam.

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