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MISSING IMAGE. KUNST JENSEITS DER BILDER | zurück zu Forschung

Skizze für ein Symposium und eine Ausstellung

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Documenta 2012: Durchs Foyer des Fridericianums, des zentralen Ausstellungshauses, weht ein laues Lüftchen. Spaziert man nach rechts oder links in die weiten Säle des Ergeschosses, wird der Wind, der einem ins Gesicht bläst, immer stärker. Man fröstelt, obwohl von draußen der Sommer durchs Fenster scheint. Die Wände aber, die Böden, die Räume sind leer, verwaist. Keine Keilrahmen, kein Stahl, kein Videoflimmern. Das Werk des Künstlers Ryan Gander ist unsichtbar; es ereignet sich. Und das spürt man am eigenen Leib, weil die Kunst einen, im wahrsten Sinne des Wortes, berührt. 

Dass ästhetische Erfahrung sich nicht allein über das Auge mitteilt, sondern auch – wie die Musik – über das Ohr oder – wie der Tanz – über den Nachvollzug körperlicher Bewegung, ist nichts Neues. Verhältnismäßig neu ist, dass Hören, Fühlen, Riechen, Raum- und Körperwahrnehmung in die sogenannte „bildende“ Kunst hineingenommen werden (die selbst dort noch so heißt, wo gar keine Bilder mehr produziert werden). Einer traditionellen Kunstanschauung (!) galten diese leiblichen Sinne dem Augenschein untergeordnet; eine zeitgenössische Kunstpraxis dagegen nutzt sie ganz selbstverständlich zur Erweiterung ihrer ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten und verbindet sie zu intermedialen Hybridformen. Eine ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste (so der Name eines Sonderforschungsbereichs an der FU Berlin) mag dann in gewisser Hinsicht nach wie vor von ikonischen Qualitäten geprägt sein, bezieht ihren Sinn jedoch nicht mehr allein oder vorrangig aus der Bildhaftigkeit ihrer Erfahrungsgegenstände. 

Paradoxerweise macht sich quer zu diesem Prozess eine kunstwissenschaftliche Entwicklung bemerkbar, die unter dem Schlagwort des iconic turn die traditionelle Kunstgeschichte zunehmend als Bildwissenschaft verstehen will. Dass eine Wissenschaft vom Bild neue, fruchtbare interdisziplinäre Anschlüsse und Einsichten ermöglicht, soll nicht bestritten werden; so könnte der besondere Beitrag der Kunst zu einer kritischen Bildwissenschaft darin bestehen, an ihrer eigenen Geschichte die Standortabhängigkeit aller Weltbeschreibungen vorzuführen – also zu zeigen, dass jedes Bild nur ein interessegeleitetes Modell der Wirklichkeit ist, und so in einer Gegenwart, die wie nie zuvor an die Bilder glaubt, die sie überfluten, das Misstrauen gegenüber Bildern wachzuhalten. Zu diskutieren wäre allerdings, wie eine bildwissenschaftlich umgebaute Kunstbetrachtung mit Kunst umgeht, die sich eben nicht als Bild präsentiert, sondern ästhetische Erlebnisse jenseits des Visuellen ermöglicht.

Symposium

Ein Symposium könnte sich genau solchen künstlerischen Positionen widmen, die die nichtvisuellen Sinne ansprechen: Soundarbeiten, Geruchsinstallationen, betastbare Objekte, Environments und Performances, konzeptuelle, prozessorientierte und ephemere Kunstpraxen. Denn jenseits des proklamierten iconic turn tauchen Zweifel auf: Ist ein bildwissenschaftliches Instrumentarium auf nicht-bildgebende künstlerische Verfahren überhaupt anwendbar? Welche künstlerischen Formulierungen geraten, eben weil sie sich einer bildwissenschaftlichen Beobachtung entziehen, aus dem Fokus der Kunstgeschichte? Und welche alternativen Paradigmen – Körper, Raum, Atmosphäre, Performativität – könnten einspringen, wenn eine an die Bildlichkeit gebundene Definition von Kunst sich als unzulänglich erweist?

Ausstellung

Die kunsttheoretischen Fragen, die hier aufgeworfen werden, könnte eine begleitende Ausstellung am konkreten Fall vorführen. Missing Image ist ein Experiment: eine Ausstellung, in der es nichts zu sehen gibt. Leere Räume, in denen Klang und Stille, Geräusche, Gerüche, Wärme oder Kälte, Enge und Weite erfahrbar sind, dimmen die visuelle Reizüberflutung zurück. Helle Bereiche, die die Abwesenheit der Dinge demonstrativ herzeigen, wechseln mit dunklen Kammern und Korridoren, in denen die Wahrnehmung zu einem körperlichen Akt wird, zu einer suchenden, forschenden Tätigkeit, die zu Täuschungen und Enttäuschungen, in Verzweigungen und Sackgassen führen kann. Diese Sabotage des Blicks aktiviert Sensibilitäten für das unsichtbar Präsente: das Gehörte, Gefühlte, Ertastete, den Körper, das Raumempfinden. So wird der Weg durch die Ausstellung zu einem Gang durch die eigentliche Fabrik der Bilder: unseren Kopf.

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