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KURATORISCHES STATEMENT | zurück zu Kuratieren

Kunst wird dort zeitgenössisch, wo sie aktuelle Diskurse absorbiert und in ästhetische Form bringt. Mich interessieren Ausstellungsformate, die dies greifbar machen, indem sie die forschende Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Material in den Mittelpunkt stellen: dieses Material kann die Gesellschaft sein, die persönliche Biographie oder die Kunst selbst:

ARBEIT AN DER FORM
Der spezifische Beitrag, den die Kunst zur Gesellschaft leistet, besteht im Aufbau einer eigenen ästhetischen Wirklichkeit, die nicht allein im inhaltlichen Dissens, sondern im alternativen Formgebrauch Distanz zum Alltag einrichtet. Kunst als Kunst ernstzunehmen, bedeutet immer: auf Form zu achten und sie zur Geltung zu bringen. Arbeit an der Form bezeichnet also ästhetische Erkundungen an der Innenseite der Kunst, die Fragen aufwerfen wie die nach dem Eigen-Sinn der Form, den verschiedenen - auch nicht-visuellen - Ebenen sinnlicher Wahrnehmung, der Herstellbarkeit und Steuerung ästhetischer Erfahrung oder dem medialen Status von Bildern in einer nachmimetischen Kunst.

ARBEIT AN DER HEIMAT
Heimaten können reale Orte sein, erinnerte Orte in der Zeit, aber auch erfundene Orte, Vorstellungs- und Wunschorte, Innenwelten, fiktive Biographien. Arbeit an der Heimat sind für mich alle Vorstöße in die eigene Vergangenheit, das eigene Ich, den eigenen Körper: tatsächliche oder fiktionale Probebohrungen in psychische Räume, aus denen heraus der Künstler seine Welt begreift. Mich interessieren Künstler, die ihr Werk stark an die eigene Person binden und dabei einen authentischen Standpunkt markieren, den der Betrachter nicht nur als singulären Fall, sondern auch als exemplarischen Entwurf erleben kann, der ihn selbst betrifft: als Vorschlag, als Warnung, als Spiegel.

ARBEIT AM SOZIALEN
Kunst besitzt das Potential, sich kritisch, fragend, zweifelnd auf gesellschaftliche Verhältnisse einzulassen. Im besten Fall ändert sie durch ihre Beobachtung der Welt auch die Weltwahrnehmung des Kunstbetrachters – und wird so zu einer politischen Macht. Es ist jedoch zu kurz gegriffen, wenn Kunst nur die Slogans austauscht, die dahinter herrschenden Mechanismen aber unangetastet lässt. Gegen die Zumutungen des vermeintlich gesunden Menschenverstandes, der ökonomischen Rationalität, der zweckhaften Strömlinienförmigkeit ist die formale Kraft einer Kunst zu stellen, deren Widerstand sich im Entwurf einer alternativen Art des Denkens und des Sehens konkretisiert. Gerade das Nichtbelehrende, Doppelbödige, Uneindeutige, Unabgeschlossene, auch das Kaputte, Unbrauchbare, Fragile bietet eine Gegenposition – und eine genuin ästhetische Zeitdiagnose. Arbeit am Sozialen meint für mich Projekte, die sich mit politischen Problemlagen auseinandersetzen und etwa Aspekte der gesellschaftlichen Inklusion und Exklusion, der Mediatisierung von Demokratie, der Erosion von Öffentlichkeit oder der historischen Erinnerung verhandeln. Es bedeutet aber nicht die Erwartbarkeit politisch gemeinter Betroffenheits- oder Empörungsgesten, sondern die Suche nach überraschenden Bildern, bitterernsten und verstörenden genauso wie komischen, absurden oder poetischen. Nur Kunst, die unmittelbar berührt und wirkt, kann zugleich als politische und soziale Praxis funktionieren.

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