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FÜR IMMER DEIN... | zurück zu Kuratieren

Gruppenausstellung mit Johannes Evers, Sandra Hauser, Anna Jermolaewa, Leigh Ledare, Robert Melee, Björn Rodday, Anna Witt.

Kuratiert von Verena Seibt und Christian Hartard.
19. März – 24. April 2010, lothringer13/laden, München

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Pressetext | Raumplan

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Besprechungen:
Süddeutsche Zeitung, 25. März 2010

ART (Onlineausgabe), Tipp der Woche, KW 11

Blick in die Ausstellungssituation. Die Galerie ist durch semitransparente Vorhänge in halbrunde Kabinette geteilt, die einerseits jedem Video einen eigenen, intimen Raum geben, andererseits die Ausstellung in einer leichten, skulpturalen Geste zu einer Gesamtinstallation zusammenfassen. Der Besucher, der die Arbeiten zunächst nur schemenhaft hinter den Gazestoffen hervorschimmern sieht, wird zum Voyeur, der im Zurseiteschieben der Vorhänge eine Grenze übertritt und in die privaten Lebensgeschichten der Künstler eindringt.

 

ZUR AUSSTELLUNG FÜR IMMER DEIN...

// In der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein. //
(Paul Watzlawick)

Irgendwann sind wir erwachsen, und aus den Eltern werden seltsame Leute, denen man mit gemischten Gefühlen gegenübertritt: einer Haltung zwischen Vertrautheit und Fremdheit, Zuneigung und Distanzierung, Bewunderung und manchmal Verachtung. Wir sind auf dem Sprung, wollen Abstand gewinnen; und gleichzeitig ist da etwas, das uns festhält, weil wir in unseren Eltern wie durch einen Zerrspiegel etwas sehen, das uns erschreckend nahegeht: uns selbst.

Für immer Dein zeigte sieben deutsche und internationale Künstler, die das Verhältnis zu ihren Eltern zum Thema ihrer Arbeit machen: als metaphorische Abrechnung mit der Kindheit (Sandra Hauser), als Versuchsanordnung, die auf ironisch-ernste Weise den Rollentausch mit Vater und Mutter durchexerziert (Johannes Evers), als schonungslose, traurig-absurde Studie der alkoholkranken Mutter (Robert Melee), als seltsam intime Dreiecksbeziehung zwi­schen dem Sohn, seiner Mutter und ihren Liebhabern (Leigh Ledare), als Parabel über Für­sorge und Liebessehnsucht (Anna Jermolaewa), als Reinszenierung der eigenen Geburt (Anna Witt) – und schließlich als berührende Dokumentation einer letzten Reise mit der Urne des Vaters (Björn Rodday).

Eine Ausstellung über Erziehen und Entziehen. Eine Abnabelschau.

Rahmenprogramm

Vatertag: Richard von Schirach liest aus Der Schatten meines Vaters // Stiefmuttertag: Astrid Brüggemann über Eltern im Märchen // Muttertag: Screening Der Busenfreund von Ulrich Seidl // Elternabend: Wir bitten Künstler und ihre Eltern zu Tisch

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KÜNSTLERISCHE UND DOKUMENTARISCHE BEITRÄGE

Robert Melee (New York): Mommy (9 Videos)
Party Girl Mommy / Marbleize Mommy Live / Winter /
Upstairs Mommy / Bathtime Mommy / I Always Think Of It /
Popcorn Mommy / Facelift Mommy / High Life

Die neun Videos aus der Mommy-Serie (1996-2006) sind traurig-absurde Studien der alkoholkranken Mutter des Künstlers: neun Versuchsanordnungen, die die Mutter aber nicht einfach als hilfloses Opfer zeigen, sondern auch als Vamp, als Frau, die noch immer schön sein will, die sich sträubt und gleichzeitig mit der Kamera kokettiert. „Melees Kunst ist bösartig und grenzwertig. (...) Der schlechte Geschmack und die Flegelhaftigkeit eines John Waters und die Schmuddeligkeit eines Paul McCarthy verschmelzen bei Melee zu einer durchgeknallten Version der pathetischen 90er-Jahre-Ästhetik, mit jeder Menge Burschikosität, ein wenig Verrücktheit und einer Prise Eminemscher Wut. Was Melee auszeichnet und vielleicht rettet – abgesehen davon, dass er und seine Mutter sich gegenseitig willige Opfer sind – ist seine unerbittlich strömende Liebe“ (Jerry Saltz).

Robert Melee (*New Jersey 1966) lebt in New York City.

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Anna Witt (Wien): Die Geburt
Video, 10:48 min., 2003

Anna Witts Reinszenierung der eigenen Geburt ist ebenso skurril wie ernst: denn der Versuch, in eine pränatale Geborgenheit zurückzukehren, ist zum Scheitern verurteilt.

Anna Witt (*Wasserburg am Inn 1981), Studium an den Kunstakademien München und Wien, lebt in Wien.

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Johannes Evers (München): Pietà I / Pietà II / David und Goliath
Videos, 4:13 min. / 1:47 min. / 6:01 min., alle 2009

Drei Experimente, die auf ironische Weise den Rollentausch mit Vater und Mutter durchexerzieren.

Johannes Evers (*München 1979), Studium an der Akademie der Bildenden Künste München.

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Sandra Hauser (München): Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?
Video, 3:20 min., 2007

Donnernde Schläge lassen bunte Murmeln in hundert Splitter zerbersten – eine metaphorische Abrechnung mit der Kindheit.

Sandra Hauser (*Bad Aibling 1983) studiert an der Akademie der Bildenden Künste München.

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Leigh Ledare (New York): Pretend You’re Actually Alive
Künstlerbuch, 2008

Ledare gibt einen Einblick in die seltsam intime Dreiecksbeziehungen zwischen sich, seiner Mutter – einer Ex-Tänzerin und Ex-Prostituierten – und ihren wechselnden Männern. „Die (Liebes-)Beziehung (von Mutter und Sohn), festgehalten in den Fotos, Büchern, Filmen und Installationen Ledares, ist eine Geschichte im permanenten Ausnahmezustand – voller Scham, Schonungsloskeit und leiser Melancholie. Es ist eine radikal persönliche Familiengeschichte von zwei Menschen, die sich ineinanderkrallen und gegenseitig benutzen, ein ödipaler Exorzismus mit der fiebrigen Intensität eines Stücks von Tennessee Williams...” (Adriano Sack).

Leigh Ledare (*Seattle 1976) lebt in New York City, 2008 Assistant Professor Columbia University / N.Y.

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Anna Jermolaewa (Wien): Mutterschaft I
Video, 0:23 min. im Loop, 1999

Eine Parabel über Fürsorge und Vernachlässigung, über Liebessehnsucht und Abhängigkeit.

Anna Jermolaewa (* Sankt Petersburg 1970) lebt in Wien und ist Professorin für Medienkunst an der HfG Karlsruhe.

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Björn Rodday (Mainz): INTROITUS
Video, 5:18 min. 2006

Eine berührende Dokumentation der letzten Reise mit der Urne des Vaters.

Björn Rodday (*1977), Kunststudium an den Akademien Nürnberg und Mainz, Medizinstudium an der Universität Mainz.

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Harry Harlow: Cloth Mother
Photographie, um 1960 (Kartenmotiv zu Für immer Dein)

Der US-amerikanische Psychologe und Verhaltensforscher Harry Harlow (1905-1981) wurde international durch seine Experimente an jungen Rhesusaffen bekannt, mit denen er seit 1957 die Grundlagen der Mutter-Kind-Bindung untersuchte. Er setzte junge Äffchen ohne ihre Mutter in einen Käfig, in dem sie die Wahl zwischen zwei Attrappen hatten: einer aus Draht geformten, milchspendenden wire mother und einer gleich großen, mit Stoff bespannten cloth mother, die aber keine Milch spendete. Es zeigte sich, dass sich die Äffchen bei der Milchspenderin stets nur zur Nahrungsaufnahme aufhielten, sich ansonsten aber an die stoffbespannte Attrappe kuschelten: ein Hinweis darauf, dass die Befriedigung emotionaler Grundbedürfnisse ebenso notwendig ist wie das Bereitstellen rein physischer Lebensvoraussetzungen. 


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